Die NZZ berichtete kürzlich darüber, dass sich immer weniger junge Menschen für technische und naturwissenschaftliche Studiengänge entscheiden. Als Gründe werden unter anderem der hohe Anspruch der Studiengänge, der grosse Arbeitsaufwand und veränderte Erwartungen der jungen Generation genannt.
Generation Z meidet technische Berufe: Experten warnen vor Folgen
Aus Sicht einer Personalberatung, die sich seit vielen Jahren auf Life Sciences spezialisiert hat, beobachten wir derzeit ein spannendes Spannungsfeld.
Der Arbeitsmarkt hat sich verändert
Wer heute ein naturwissenschaftliches Studium abschliesst, findet nicht mehr automatisch sofort seine Traumstelle. Gerade bei Berufseinsteigern ist der Markt anspruchsvoller geworden. Viele Unternehmen rekrutieren vorsichtiger als noch vor wenigen Jahren, und auf attraktive Einstiegspositionen erhalten wir heute deutlich mehr Bewerbungen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der Bedarf an Naturwissenschaftlern verschwindet.
Im Gegenteil.
Kurzfristiger Markt versus langfristiger Bedarf
Personalmärkte verlaufen in Zyklen.
Heute erleben wir einen Markt, in dem Berufseinsteiger teilweise mehr Geduld mitbringen müssen. Gleichzeitig beobachten wir aber auch, dass sich immer weniger junge Menschen für anspruchsvolle Studiengänge wie Chemie, Biotechnologie, Pharmazie oder Ingenieurwissenschaften entscheiden.
Diese beiden Entwicklungen treffen zeitversetzt aufeinander.
Wenn künftig weniger Absolventinnen und Absolventen nachkommen, während gleichzeitig viele erfahrene Spezialisten pensioniert werden und neue Technologien zusätzliche Kompetenzen verlangen, dürfte sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage erneut verändern.
KI verändert die Arbeit – ersetzt sie aber nicht
Ein weiterer Aspekt wird häufig unterschätzt.
Natürlich wird künstliche Intelligenz die Life-Science-Branche nachhaltig verändern.
- Sie wird Daten schneller auswerten.
- Sie wird Dokumentationen unterstützen.
- Sie wird Entwicklungsprozesse effizienter machen.
Aber KI entwickelt keine Wirkstoffe im Labor.
- Sie plant keine Experimente.
- Sie interpretiert keine unerwarteten Versuchsergebnisse.
- Sie verantwortet keine GMP-Produktion und keine Qualität.
Gerade in den Naturwissenschaften entsteht Innovation dort, wo experimentelle Daten, wissenschaftliches Denken und praktische Erfahrung zusammenkommen.
KI wird deshalb vor allem ein Werkzeug sein – kein Ersatz für gut ausgebildete Naturwissenschaftler.
Ein Thema, über das selten gesprochen wird
Mich beschäftigt noch eine weitere Frage.
Naturwissenschaftliche Studiengänge gehören zweifellos zu den anspruchsvollsten Ausbildungen überhaupt. Sie verlangen Durchhaltevermögen, analytisches Denken und oftmals viele Jahre intensiver Ausbildung. Trotzdem unterscheiden sich die Einstiegsgehälter häufig weniger stark von anderen Studienrichtungen, deren Ausbildung weniger aufwendig ist.
Vielleicht lohnt sich auch hier eine gesellschaftliche Diskussion.
Wenn wir möchten, dass sich junge Menschen weiterhin für anspruchsvolle naturwissenschaftliche Berufe entscheiden, sollte sich diese Investition langfristig auch entsprechend wiedererspiegeln.
Die Realität der Schweizer Industrie
Gleichzeitig ist die Situation komplex.
Die produzierende Life-Science-Industrie steht in der Schweiz unter enormem internationalem Wettbewerbsdruck. Forschung und Produktion konkurrieren weltweit. Höhere Löhne lassen sich nicht beliebig bezahlen, wenn gleichzeitig Effizienz, Produktivität und internationale Konkurrenzfähigkeit gewährleistet bleiben müssen.
Genau dieses Spannungsfeld wird die Branche auch in Zukunft begleiten.
Mein Fazit
Der heutige Arbeitsmarkt darf nicht mit dem Arbeitsmarkt von morgen verwechselt werden. Wer sich heute für ein anspruchsvolles naturwissenschaftliches Studium entscheidet, investiert nicht nur in die ersten Berufsjahre, sondern in eine jahrzehntelange Karriere in einer innovationsgetriebenen Branche.
Aus meiner Sicht bleibt deshalb eine fundierte Ausbildung in den Life Sciences eine der nachhaltigsten Investitionen in die eigene berufliche Zukunft. Wer heute Life Sciences studiert, entscheidet sich nicht nur für einen Beruf – sondern für die Fähigkeit, Innovation in Medizin und Pharma aktiv mitzugestalten.